Ist es alles nur ein großes Blablabla

Wenn man das Berliner Nachtleben wieder als Individuum erleben darf, werden einem ein paar unausgesprochene Tatsachen bewusst. Zum Beispiel, dass hier keiner mit keinem redet den er nicht zumindest über eine andere Person kennt. Kann ich ja auch niemand verübeln, weil die seltenen Gespräche, die doch hin und wieder mit jemand Fremdes zustandekommen, schnellst möglich wieder vergessen werden sollten, damit keine psychischen Schäden entstehen. Aber warum ist es so, dass man hier in Berlin so selten einen anständigen Smalltalk erlebt? Ist es die Angst unheimlich oberflächlich zu erscheinen, wenn man ein Gespräch nicht mit einem Schopenhauer-Zitat eröffnet? Oder klebt dem Ganzen immer der Zweifel an, ob es sich eigentlich um eine billige Anmache handelt, auf die man zurzeit wirklich keine Lust hat? Mehr Blablabla Gedanken nach dem Klick.

Redest du mit meinen Brüsten?
Warum ich nicht die typische Berliner Abwehrhaltung gegenüber Smalltalk habe, liegt wohl daran, dass ich aus einem Land komme, wo, wenn man den Smalltalk verbieten würde, man im Grunde auch allen gleich die Zunge abschneiden müsste. Ich sehe ja selbst ein, dass Smalltalk sicherlich nicht die absolute Kulmination der europäischen Gesprächskultur ist. Aber mal Hand auf euer Berliner Hippster-Herz. Es darf ja wohl noch sinnvolle Unterhaltungen außerhalb der Volksbühnen-Kantine geben. Warum so Anti-Smalltalk frage ich mich. Ich spreche ja nicht für den gewöhnlichen lustlosen und gelangweilten WG-Party-Smalltalk, den man nur betreibt solange der Alkohol hält. Es gibt hochqualitativen wertvollen und vor allem witzigen Smalltalk, der als totale Bereicherung einzuschätzen ist. Die Art an offener und ehrlicher Unterhaltung, die man nur mit einem Fremden führen kann. Die Art Unterhaltung, wo man sich nichts beweisen, keine diplomatische Aspekte berücksichtigen und auch kein Interesse vortäuschen muss. Es gibt nichts zu verlieren, weil man sich wahrscheinlich eh nie wieder sieht. Dafür viel zu gewinnen, wenn man feststellt, dass man das am liebsten morgen wiederholen möchte. Auf einer gewissen Art und Weise kann guter Smalltalk viel anzüglicher, stimulierender und erfüllender sein als ein guter One-Night-Stand. (Smalltalk gegen One-Night-Stand – ein Kampf der oberflächlichen Anglizismen-Titanen hat soeben in meinem Kopf begonnen…)

Talk to the hand!
Naja, aber die Berliner teilen wohl nicht unbedingt meine Meinung. Als ich vor kurzem mit einer Freundin tanzen war, wurde sie von dem charmantesten, witzigsten und sympathischsten Typen angesprochen, der mir seit langem begegnet ist. Nicht nur, dass binnen einer Minute ein Wortgefecht im Gange war, was jedes Kanzlerduell wie der Debattierklub der Zweitklässler hat erscheinen lassen. Man konnte die psychischen Anziehungsblitze förmlich zwischen ihnen spüren. Nach 10 Minuten des Voyeurismus hab ich mich diskret verzogen und mir schon die große Liebe ausgemalt. Doch nach einer Stunde war die Freundin wieder bei mir. Als ich sie nach Mr. Right fragte, meinte sie nur, dass sie gerade nur nach heißen Männern Ausschau hält und der hatte ein kleines Bäuchlein. Mein Schockzustand darüber hält immer noch an. So ist auf Smalltalk zu verzichten im Grunde auch nur eine neue Form von Oberflächlichkeit, die wir uns aber selbst als tiefgründig und philosophisch unterjubeln. Ich lass mich davon nicht beirren, werde weiterhin in dieser Stadt nach dem perfekten Blablabla suchen und ihn sicherlich auch irgendwann finden.


September 28th, 2009 at 16:24h
schöner text. ich kann total nachvollziehen, was du meinst. allerdings bin ich auch eher ungeschickt im small talk. ich glaube, dass gute gespräche, also so eines wie du es beschreibst, schon spontan auch im Nachtleben aber eben mit der richtigen person entstehen können.
September 28th, 2009 at 18:05h
chapeau!
September 28th, 2009 at 20:08h
best observation about berlin people!
basically if u get to small talk with someone be sure he/she is probably not from berlin!
September 28th, 2009 at 21:04h
sooo… what do you do? where are you from? where do you life? oh yeah, right, that place is so over, but have you been to that other place. yes, inglorious bastards was great, especially that one scene… blablabla.
when will somebody ask me instead what i’m interested in, if i have ever been to takatukkaland or how pineapples taste in greenland. whatever, please just do NOT ask about my eyebrow and/or make jokes about my last name =)
September 28th, 2009 at 21:23h
But Mrs. Frech,
your eybrow is so unique….
September 29th, 2009 at 01:13h
ich weiß was du meinst…vielleicht liegt es daran, dass viele hippe berliner sich davor fürchten, ihre glitzernde fassade zu verlieren. dann könnte man nämlich erkennen, dass neben den bunten klamotten eine person hinter party steht, die genau die gleiche scheiße frisst wie man selbst und den selben zuckerguss vom leben kostet. vielleicht liege ich aber auch falsch.
ich hatte letztens eine schöne situation in der ubahn: da saßen sich vier leute gegenüber und plötzlich fragte eine ältere frau in die runde, warum man sich denn immer so anschweigen müsse. es wäre ihrer meinung nach doch viel schöner, erfrischender, wenn man die gemeinsame fahrtzeit zum reden nutzen könnte. daraufhin entfalmmte ein gespräch und alle waren sich einig, dass sie recht habe.
naiv, süß und ehrlich…mag das.
Oktober 1st, 2009 at 09:50h
so true! berliners need to take it easy and open up a bit… its really boring to look at figures just “trembling” on technomusik on the dancefloors and not saying a word to each other during the whole night….
Oktober 1st, 2009 at 19:54h
ahhh…words of wisdom my friend
miss you too! xx ps: i want that necklace!
November 30th, 2009 at 04:34h
Actually this text is closed-minded and so full of stereotypes and basically I think they are not true. If you experience that in your environment you are in the wrong locations or with the wrong people or did not understand german culture
The word small talk implicates for me already a superficial element…
Is it too ordinary smalltalk if I ask which country are you from (where talking means life)?
November 30th, 2009 at 14:53h
Yeah the text plays with stereotypes, for sure. And for sure not all my assumptions( not based on any statistic or hard facts) are 100% right. But you have to give me the chance to describe my subjective impressions of nightlife! And how you see in the comments some people seem to agree wih me. Ah and I hope you gave me the right email-adress because i will write you there which country I am from.
I am to shy to say it out loud here. hehe
Dezember 9th, 2009 at 05:02h
Hei Claudio,
thanks for your answer. Just wanted to know because it is kind of strange if you write about people from one city or country and compare it with your country without mention your own country.
Actually I think “high quality smalltalk” is more easy to find in Berlin than in for example the United States or Spain. Its more common here to have good and deep conversation about “hard” stuff. The challenge is that mainly such conversations do not fit into a normal party with music, excessive people and a kind of hedonistic lifestyle (don’t want to criticise that…just a thought). Happens more in bars, with closer friends in general with topics both sides are really interested in.
But maybe that is not meant from you with “quality smalltalk”. I guess smalltalk, as mentioned by you, always has this superficial component germans and Berliners generally have a problem. But as soon as you know them better this first disadvantage is a big advantage.
Greetings Mario