Discovering Marseille

In Frankreich gibt es einige negative Vorurteile über Marseille: Die Stadt sei arm, dreckig, unfreundlich und voller Ausländer. Klingt bekannt, oder? Genau das denken ja auch viele Deutsche über Berlin.
Als ich im Juni nach Marseille gereist bin, hat mich die Stadt tatsächlich daran erinnert, wie Berlin vor 10 Jahren war, bevor der große Hype startete: Marseille ist bunt, vielseitig, lebendig, ungezähmt und voller Energie. Und genau wie Berlin gibt es auch in Marseille viele Immigranten aus zahlreichen verschiedenen Kulturen. Mit anderen Worten: Marseille ist wie ein großes Neukölln, nur (noch) ohne Hipster. Mehr nach dem Klick.
Was mich an der zweitgrößten Stadt in Frankreich verwundert hat, ist die Tatsache, dass Marseille noch immer ziemlich unerschlossen ist. Natürlich gibt es auch hier Touristen, doch diese sehen sich hauptsächlich nur die Gegenden um den Hafen herum an, also Carré Thiers (eine schreckliche Ansammlung von überteuerten Restaurants) und Panier, der frühere Rotlicht- und Mafiabezirk. Im Gegensatz zum Carré Thiers ist das Panier allerdings wirklich sehenswert: eine Altstadt in wunderschönen Pastellfarben mit vielen kleinen, verschlungenen Gassen. Tagsüber ist es hier sehr ruhig, und abends kann man hier einige schöne Restaurants finden.
Am interessanten ist Marseille aber dort, wo die meisten Touristen nicht hinkommen. Und sobald man sich vom Hafen entfernt, sieht man dann auch tatsächlich keine hässlichen Deutschen in Tennissocken und Birckenstocksandalen mehr. Das zweifellos spannendste Viertel der Stadt ist jedenfalls Cours Julien, das Kreuzberg von Marseille. Hier findet man die Subkultur und alternative Szene, es gibt charmante kleine Cafés, Second Hand-Läden und viele Bars und Restaurants – kurzum: der perfekte Ort in Marseille.
An meinem ersten Tag in Marseille war ich außerdem auf einem Markt in Noailles, einem der wichtigsten Treffpunkte der arabischen und afrikanischen Community, der genau in der Mitte der Stadt liegt. Hier kann man deutlich spüren, wie unglaublich vielseitig Marseille ist.
Für mich ist Marseille jedenfalls eine der spannendsten Städte Europas. Wer auf einer Reise in Südfrankreich ist, sollte definitiv ein paar Tage einplanen. Marseille bildet eine willkommene Abwechslung zum bonzigen Nizza, zum bürgerlichen Lyon und zur Postkartenidylle von Aix-en-Provence. Es mag hier zwar nicht so schön wie in anderen französischen Städten, aber Marseille ist zweifellos wesentlich interessanter.
Ausflüge
Nur 45 Minuten vom Stadtzentrum entfernt liegt ein wunderschönes Naturschutzgebiet, die Calanques. Das Wasser ist unglaublich klar und eignet sich perfekt zum Schwimmen. Man kann die Calanques entweder per Boot oder zu Fuß erkunden. Ich habe mich ausnahmsweise mal fürs Wandern entschieden. Es gibt einen großartigen Wanderweg, der in ungefähr 90 Minuten von dem Dort Callelongue zu einem charmanten kleinen Restaurant an einem Strand führt.
Unterkünfte
m Vergleich zu allen anderen Städten in Frankreich sind Unterkünfte in Marseille vergleichsweise günstig. Während in Aix-en-Provence die billigsten Hotels 60 Euro pro Nacht kosten, bekommt man für denselben Preis schon eine hochwertige Unterkunft in Marseille.
Ein Beispiel ist das Casa Ortega, ein im April 2012 eröffnetes Bed-and-Breakfast-Design-Hotel, das sich in einer lebendigen arabischen Nachbarschaft befindet. Jedes Zimmer wurde auf individuelle und sehr geschmackvolle Weise gestaltet; die günstigsten bekommt man schon für 75 Euro, Frühstück inklusive. Da es insgesamt nur sechs Zimmer gibt, sollte man auf jeden Fall im voraus buchen. David, der Eigentümer und Gründer, kann im Unterschied zu den meisten seiner Landsleute auch sehr gut Englisch und steht gerne mit sehr guten Ratschläge bereit.


Photos of Casa Ortega: Louis Cargill
Besonders empfehlenswert ist zudem das Mama Shelter, ein von Stardesigner Philippe Starck gestaltetes Hotel. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hervorragend, denn die günstigsten Zimmer kosten hier 79 Euro, und dafür erhält man den Standard eines guten 4-Sterne-Hotels. Und wie man es von Philippe Starck erwarten würde ist auch das Design außergewöhnlich, nämlich verspielt und äußerst humorvoll – schlichtweg mit keinem anderen Hotel zu vergleichen.
Essen
Marseille ist auch in kulinarischer Hinsicht eine äußerst vielseitige Stadt. Einerseits findet man hier die typische südfranzösische Küche, und da Marseille eine Hafenstadt ist, gibt es natürlich auch viel Fisch und Sea Food. Andererseits findet man in Marseille auch die gesamte Küche des Mittelmeerraums. Als ich dort war, habe ich hervorragende algerische, tunesische und italienische Restaurants besucht. Und wer etwas für ein romantisches Rendezvous sucht (wir sind schließlich in Frankreich), dem kann man nur das Restaurant des Rowing Clubs empfehlen. Hier hat man eine wunderschöne Aussicht auf den Hafen – der perfekte Ort, um sich den Sonnenuntergang anzusehen.
Bars & Cafés
Marseille liegt in Frankreich, es dürfte also keine Überraschung sein, dass es hier viele bezaubernde Cafés gibt. Der ideale Ort fürs Frühstück ist das Comptoin du Commain, die älteste Brasserie in Marseille. Die Einrichtung stammt noch aus dem Second Empire, doch anders als in Aix-en-Provence können sich selbst arme Berliner hier ihr Croissant leisten. Was Bars betrifft ist der Cours Julien die beste Adresse. Die Auswahl ist riesig, besonders empfehlenswert ist Le Petit Nice.
Nachtleben
Da ich nur in der Woche und nicht am Wochenende in Marseille war, kann ich leider dazu nichts sagen. Aber auch hier gilt: Vergiss Lonely Planet! Einfach Einheimische fragen, die interessant (und attraktiv!) aussehen.
Shopping
Marseille ist zwar die zweitgrößte Stadt in Frankreich, aber was Shopping betrifft kann man es mit Paris in keinster Weise vergleichen. Natürlich gibt es auch hier eine große Einkaufsstraße (Canabière) mit Läden wie Zara und H&M – aber dafür braucht man ja nicht nach Frankreich zu fahren. Am Cours Julien findet man zwar einige schöne kleine Designer- und Second Hand-Läden, doch groß ist die Auswahl nicht. Empfehlenswert ist immerhin noch der große Flohmarkt, der jeden Sonntag außerhalb des Stadtzentrums in Bougainville stattfindet. Hier kann man buchstäblich alles kaufen…
Museums
Leider waren zur der Zeit, als ich dort war, alle Museen der Stadt geschlossen. Marseille wird 2013 europäische Kulturhauptstadt, und dazu werden jetzt alle Museen herausgeputzt…
When to go and how to go
Marseille kann das ganze Jahr über besucht werden, denn es wird nie wirklich kalt. Im Sommer wird es dagegen von Ende Juni bis Mitte August schon fast zu heiß. Daher ist wohl die beste Reisezeit von April bis Mitte Juni und ab Mitte August bis Oktober.
Es gibt keine Easyjet-Verbindung von Berlin nach Marseille, also direkt fliegen ist nicht ganz so preiswert. Da aber Zugfahren nicht so absurd teuer wie in Deutschland ist, kann man nach Nizza fliegen und von dort innerhalb von 2 Stunden nach Marseille fahren.

























