Einer dieser Morgende. Die Nacht war zu lange, der Wecker zu früh, der Kaffee zu spät — und drei Tassen zu wenig.

Während ich über meine offenen Schnürsenkel im Hausflur falle, frage ich mich, ob ich mich nicht doch lieber krank hätte melden sollen.

Der aggressive Miniatur-Hund meiner Nachbarin aus dem zweiten Stock springt mir mit grellem Gebell fast an die Gurgel, mein Herzschlag steigt in ungesunde Höhen und meine Laune sinkt auf einen neuen Tiefpunkt.

9.45h. Ich renne zur U-Bahn-Station. Klassischer Berliner Morgensport in Rollkragen und Vintage Levi’s; schwitzend auf der Arbeit anzukommen, ist ja sowieso mein Lieblingshobby.

Duften wir nicht eh alle permanent nach schwitzig-rastloser Großstadt?

It’s Berlin…

Angekommen im Laune-stimulierend gift-gelben Kachel-Tunnel, komme ich endlich wieder zu Atem. Bunte Plakate hinter verkratzen Plexiglasscheiben werben unangenehm kontrastierend für “Die ultimativen Schlagerstars Live in der Waldbühne”, “Juckt und kratzt’s? Lass dich testen!” und “Beethovens 9. Sinfonie im Berliner Dom”. Letzterer Grafikdesigner gehört definitiv entlassen.

 

 

Ein bekanntes Rattern weckt mich aus meinen negativen Gedankenspiralen.

OH NEIN. Ich beschleunige meine Schritte. Womit hab ich das denn jetzt verdient?

Ich biege um die Ecke und pralle auf eine Traube morgendlicher Pendler, die mir auf der Treppe entgegen kommen.

Der Zug Richtung Alexanderplatz — mein Zug — steht mit geöffneten Türen am Gleis.

Ich kämpfe mich durch die dichte Menge, rempel einen untersetzten, kleinen Mann in Nadelstreifenanzug an, und springe einer jungen Frau mit Kleinkind im Zickzack aus dem Weg.

Drei Stufen auf einmal.

Der gelbe Zug gibt den bekannt-bedrohliche Dreiton von sich. Fuck!

ICH WARTE JETZT NICHT VIER VERDAMMTE MINUTEN!

Ein letzter Sprung, ich lande auf dem Gleis, rappel mich auf.

Die Türen sind noch immer auf.

Ich drehe meinen Kopf zur Spitze des Zuges. Im Fahrerabteil sitzt ein karger, bartloser Mann mit Brille, lächelt mich freundlich an und macht eine schnelle, bestimmte Kopfbewegung nach hinten zum Zugabteil.

Ich sprinte los und springe in die geöffnete Tür.

Der Dreiton ertönt. Die Türen schließen. Der Zug fährt ab.

Er hat auf mich gewartet.

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Andy
by
on Oktober 1st, 2019
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