Es ist ja in altbekanntes Problem. Man möchte nach einer unverbindlichen Knutscherei gerne jemanden wiedersehen, möchte aber nicht den Eindruck erwecken, man würde dem anderen hinterherlaufen. Und zudem ist man der Meinung, es wäre sowieso an IHM sich zu melden. In meinem Falle fühlte ich mich ausnahmsweise mal ungeheuerlich im Vorteil, da ich wusste, dass besagter Jemand, ebenso wie ich, auf der Rigaer Straße wohnt. Nur eben am anderen Ende. Was sich hierbei an Möglichkeiten auftat…
Es begann also damit, dass ich zu seltenen Gelegenheiten – und aus meiner Meinung nach höchst plausiblen Gründen – einen gigantischen Umweg über den Bersarinplatz nahm, nur um an seiner Haustür vorbeizukommen. Diese Gelegenheiten fingen sich irgendwie an zu häufen und ehe ich mich versah, hatte sich die gesamte Rigaer Straße zu einem festen Bestandteil meines täglichen Heimweges entwickelt.
Das lag wohl nicht nur daran, dass sich das auf mein Leben sehr spannungssteigernd auswirkte, sondern ebenso daran, dass mir auffiel, dass die Rigaer Straße recht hübsch ist. Eine Menge Altbauten, lustige Leute zu jeder Tageszeit, bunt, hier und da eine seltsam anmutende Kneipe, niedliche Läden in den Seitenstraßen und es gibt einen ganz faszinierenden Straßenabschnitt, bei dem die Baustellen so ungünstig platziert sind, dass man alle zehn Meter die Straßenseite wechseln muss.
Außerdem brachten mich einige Eigenheiten auf der Strecke zu abenteuerlichen Einfällen, wie ich die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Aufeinandertreffens vielleicht erhöhen könnte. Beispielsweise indem ich regelmäßig den Gottesdienst in dieser furchtbar monströsen Kirche besuche, die sich praktischerweise gegenüber seiner Haustür befindet. Oder etwa, indem ich mich, reich in Pelz bekleidet, vor eines der gar nicht mal so wenig in dieser Straße vorhandenen besetzten Häuser stelle, und dann nach Hilfe schreiend an seine Tür donnere, sobald die Autonomen die Verfolgung nach mir aufgenommen haben.
Man sieht also, diese Straße ist für mich eine Quelle an Freude und Inspiration. Sogar mehr als das. Sie ist schon ein Stückchen liebgewonnene Heimat, und ich gehe sie mittlerweile so gerne lang, dass ich teilweise vergesse, auf dem ursprünglich so bedeutsamen Streckenabschnitt dran zu denken, ob mein heutiges Outfit eigentlich super-gut aussieht oder nur normal-gut.
Ich frage mich sogar manchmal, ob dass nicht doch ein wenig eigenartig ist, eine solch liebevolle Beziehung zu einer Straße zu pflegen. Aber man fühlt sich gleich vielmehr wie zu Hause, wenn der tägliche Heimweg mit einem Spaziergang endet, den man so wahnsinnig gerne tätigt und der einem so vertraut ist. Und man weiß ja nie, wer einem dabei alles über den Weg laufen könnte…
Outfits von Visby. Model: Anna Werner, Styling: Julia Karutz, Fotos: Frank, Story: Dina


