Musen mit Körperschemastörung?

Untitled from 32 Kilo by Ivonne Thein

Foto: Ivonne Thein

Diese Frage habe ich mich während der ersten Schauen der Berlin Fashion Week mehrmals gestellt. Der eigentliche Artikel zu diesem Gedanken folgt nach dem Sprung. Doch zunächst ein großes Dankeschön an Ivonne Thein, die uns erlaubt hat ihre Fotos aus der Reihe 32 Kilo zu verwenden. Sie eröffnet am Freitag gemeinsam mit anderen Künstlern eine Ausstellung in der Loop Galerie. Die Infos dazu und der Artikel nach dem Sprung.

Vielleicht eine kleine persönliche Anmerkung zum Anfang. Ich bin kein Modejournalist, sondern Psychologe und so sehr ich auch eine persönliche Begeisterung für Mode aufbringe und mein Enthusiasmus für das Menschenverschönernde teilweise komplett meine anderen Interessen und Leidenschaften sprengt, in meinem Kopf sitzt ein kleines psychologisches Ich, was sich manchmal zu Worte meldet.

Erwartungsvoll und auf Ästhetik getrimmt ging ich zur ersten Show, Lala Berlin, voller Vorfreude auf eine junge Designerin aus Berlin. Doch kaum hat die Show begonnen, erlebte ich einen Wahrnehmungsschock der ersten Klasse.

Was meine Augen in dem Moment sahen, waren keine Strickkreationen, sondern Essstörungen die in ihren verschiedenen Stadien präsentiert wurden. Ich hatte das Gefühl, man sitzt an einer Sushibar, an der es statt Fisch blanke Gräten gibt. Umso mehr schockiert war ich, als ich bemerken musste, dass sich die Körpergröße der Models gegen die Arbeiten der Designerin verhalten hat. Die Kleider waren teilweise eindeutig zu groß, denn sie sind den Models ständig vom Leibe gerutscht. Moment! Was habe ich im vorhergegangenen Satz geschrieben? Wie auch mich die Fashion Week manipuliert hat! Also, nochmal, die Models waren zu dünn, als dass ihnen die Kleider hätten gut passen können, und nicht die Kleider waren zu groß. Und ich dachte, das wichtigste am Model auf dem Laufsteg sei die Passform? Oder doch nicht?

Untitled from 32 Kilo by Ivonne Thein

Der Schockmoment war am stärksten nach der ersten Show und ließ mehr und mehr nach. Am Ende konnte ich wieder Kleider anschauen, ohne über zu dünne Frauen nachzudenken. In der Psychologie bezeichnet man sowas eine Habituation. Wenn also durch wiederholte Reizpräsentation unserer Wahrnehmung von Gefahren nachlässt. So ähnlich verhält es sich mit Kriegs- oder Unfallbildern im Fernsehen. Für einen Augenblick schalten wir unsere menschliche Empathie aus.

Magersucht und Essstörung sind in der Modewelt alte Hüte. Ein Thema von gestern. Auch im Modejournalismus gibt es Trends und die oben genannten Probleme sind nicht länger interessant. Jeder Designer hat die Möglichkeit zu entscheiden, welche Ästhetik seine Models vertreten sollten. Ein tolles Bespiel dafür waren die Shows von Berhard Wilhelm und C.Neeon.

Lagerfeld hat recht, wenn er behauptet, dass Fettleibigkeit in unserer Gesellschaft quantitativ betrachtet die wesentlich gefährlichere Essstörung darstellt. Dennoch schaden wir uns allen selbst, wenn wir uns nicht bewusst werden, dass die Sehnsucht nach Perfektion und Schönheit bei uns allen vorhanden ist und wir ständig danach suchen. Daher darf ein zu dünner Körper kein Ideal sein. Sonst wird eine Körperschemastörung zu unserem neuen Schwarz und wir bemerken es nicht einmal.

Untitled from 32 Kilo by Ivonne Thein

Fotos: Ivonne Thein. “Untitled” aus der Reihe 32 Kilo, 2007. Courtesy of VG Bildkunst.

Indecent Exposure

mit Michael Kirkham, Karsten Konrad, Jukka Korkeila, Vitek Marcinkiewicz, Stu Mead, Bernadette Rottler, Heike Ruschmeyer, Torsten Solin, Caro Suerkemper, Ivonne Thein, Goetz Valien, Salvador Dalí, Augustin Hirschvogel, Giovanni Battista Piranesi

Vernissage am 6. Februar um 20 Uhr

geöffnet bis zum 14. März, Di-Sa 12-20 Uhr

Loop Gallery

Jägerstr. 5

10117 Berlin

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Claudio

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