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Der freie Angestellte ist der neue Widerspruch in der Welt der erwerbstätigen Erwachsenen (zu denen ich mich irgendwie noch nicht zähle). Vor kurzem noch schilderte ich den Frühlingsanfang in Berlin als Wiesenfantasie, wo Freelancer wie Krokusse aus dem Boden sprießen, alle mit weißen macbookförmigen Blüten in den Händen. Doch diese Fantasie muss ich nach meinem gestrigen Erlebnis vielleicht ein wenig einschränken. Meine montagnachmittags Gedanken zum Thema Freelance und Freizeit gibt es nach dem Klick.
Sonntagabend. Ein gewöhnliches Essen mit Freunden in einem eher durchschnittlichen Restaurant. Der Kellner, ein eifriger und ganz passabler junger Mann, kam mir irgendwie bekannt vor. Kennen wir uns nicht irgendwo her? Wäre eigentlich in dieser Situation mal eine angemessene Frage. Da mir das aber viel zu sehr nach bürgerlich normativen Balzsprüchen klang, ließ ich das Gefühl unter den Tisch fallen und widmete mich der Bulette und dem Wodka. Doch anscheinend wurmte dieses Gefühl nicht nur mich, denn als es ans Abkassieren ging, sprach er mich an und wollte wissen, ob wir nicht schon irgendwann mal was miteinander zu tun gehabt hätten. Nach einer Weile das Brainstorming, wobei er immer wieder fragte, ob ich nicht irgendwo als Verkäufer arbeiten würde (Ich Verkäufer? Sehe ich aus wie ein Verkäufer???), fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wir hatten gemeinsam für die gleiche Agentur gearbeitet. Er war damals als freier Projektmanager tätig. Irgendwie konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, warum er denn jetzt um aller Herrgotts Namen in einem russischem Restaurant kellnert? Die Antwort war so einfach wie einleuchtend. Ihm war seine Freizeit wichtiger als seine freie Tätigkeit. Lieber arbeitete er fest und ohne Ambitionen, wenn er dafür mehr Zeit hat das Leben zu genießen.

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Warum ist gerade Berlin so offen für solch ungewöhnliche Karriereentwicklungen. Liegt es an dem günstigen Leben oder an der Vielzahl an Freizeitangeboten? Genau kann man das nicht sagen. Ich würde mir nur wünschen, dass ein wenig von dieser ambitionsfreien Entspanntheit auf mich abfärben würde. Zurzeit könnte ich getrost auf einige Ziele in meinem Leben verzichten und sie mit ein paar netten Stunden im Park eintauschen.
Das Bild zu diesem Post zeigt das Kunstwerk The Writer von Giancarlo Neri.
