Illustration: Fernando Vicente
Irrenhaus Berlin – 2. Therapiestunde
Selbst bei der abgebrühtesten Psychokolumne, wird es irgendwann um die Liebe gehen. Also machen wir es kurz. Hier geht’s um die Spleens der Berliner und nicht um deren Paarungsverhalten, aber wir werden nicht drumrum kommen es zu thematisieren. Kennt übrigens noch irgendjemand den Film Das seltsame Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit? Abgesehen vom langen Titel war der Film für eine deutsche Produktion überaus witzig. Das Einzige, was mich jetzt im Nachhinein stört, ist die Verallgemeinerung und Definition des Begriffs Großstädter. Denn der Film spielt in München und wie sehr man auch die Bayern zu schätzen weiß (oder auch nicht), kann mir keiner erzählen, dass der Paarungstrieb der Münchener in irgendeiner Weisse vergleichbar ist mit dem der Berliner. Also weg mit diesem albernem Wort Großstädter in Bezug auf München. Zurück zu Berlin und zu diesem Dr. Sommer Psychogelaber. Nach dem Klick geht es also um die Berliner Liebeskranken oder besser gesagt speziell um die Liebesresistenten.

Ein kleiner Exkurs zur griechischen Mythologie ist jetzt angebracht, um sich ein wenig in die Hintergründe der folgenden Thematik hineinzuversetzen. Die Fantasievorstellung von einem kleinen süßen Liebesgott, der mit Liebespfeile auf zukünftige Pärchen zielt und diese dann unendlich glücklich macht, entspricht nicht ganz den mythologischen Fakten. Sicherlich handelt es sich hierbei um eine Koop zwischen der Valentinstagindustrie (Schmuck, Blumen, Pralinen) und der Waffenlobby (Zulassung von Armbrüsten, Wurfgeschosse, Pfeilspitzen). In der Antike galt Amor als ziemlicher Psychogott ,der im Krieg die Soldaten in irgendwelche Riesenmonster hat verlieben lassen, welche sich also vor Liebe haben fressen lassen. Allgemein galt der Liebeszustand als gefährliche Sinneseinschränkung, die nur durch möglichst viel Sex wieder heilbar war.
Genau wie die Griechen sehen gewisse Berliner in der Liebe ebenfalls eine Geisteskrankheit. Diese von mir als Liebesresistente gekennzeichneten, schöpfen ihre soziale Befriedigung in ihren Freundeskreisen bestehend aus weiteren Liebesresistente. Auch Sex ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens, der stark nach außen kommuniziert wird, denn sie wollen nicht, dass die Umwelt ihre beziehungstechnische Einsamkeit als mangelnde Begehrenswertigkeit interpretiert. Liebesresistente sind zumeist sogar sehr begehrt. Sie sind attraktiv, aber nicht schön. Oder wenn sie schön sind, bringen sie dies nicht zur Geltung, weil sie letztendlich auch sich selbst gegenüber nicht besonders zugeneigt sind(über die Schönen aber selbstverliebten Berliner reden wir ein anderes mal).

Liebesabgeneigte erkennen sich schwer selbst als solche. Daher folgt ein kurzer Fragentest. Verfügst du über ein Pärchen in deinem Freundeskreis? Betrachtest du die beiden Partner als gleichwertige Individuen? Hast du mit weniger als 3 unterschiedlichen Personen Sex im Monat? Kennst du eine echte Beziehung, (also nicht zwischen Brad und Angelina) die du als Ideal empfindest? Hattest du jemals eine Beziehung, wo alles gestimmt hat (sogar der Sex)? Wenn du alle Fragen mit Nein beantwortet hast, melde dich bei einer Liebesresistenten-Selbsthilfegruppe in deiner Umgebung an oder besuche meine Spezialsprechstunde.
Die Ansteckung verläuft ähnlich wie mit anderen Geschlechtskrankheiten. Hat man einmal fantastischen Sex mit einem Liebesresistenten gehabt und wurde dann vom diesem nicht mehr weiter beachtet verwandelt man sich langsam aber sicher in wenigen Wochen selbst in ein liebeverachtendes Wesen. Also am besten ihr schreibt die 5 oben stehenden Fragen ab und wenn ihr wieder Lust habt auf einen zügellosen One-Night-Stand habt, unterstellt eurem Kandidaten für die Nacht lieber diesem Fragentest. Safer Sex rulez!


