photo: Rowena Waack / CC
Ein beliebiger Samstagabend in einem beliebigen Tanzschuppen in Berlin. Ich scherze und tanze mit einer Freundin herum, als sich uns ein Mädchen nähert. Sie fragt: Ist sie deine Freundin? – Ich: Nein. – Sie: Hast du eine Freundin? – Ich: Nein. – Sie: Hast du ein Freund? Ich: Nein. – Sie: Was hättest du lieber, einen Freund oder eine Freundin? – Ich: Vielleicht eher einen Freund? Sie lächelt, nickt und geht weg. Immer noch perplex von diesem inquisitorisch anmutenden Fragebogen, dem ich ausgesetzt wurde, sage ich kurz: Wart mal, wie heißt du eigentlich? (Ein wenig in der Hoffnung, dass, wenn ich dem Ganzen einem Namen geben kann, es sich weniger anfühlt, als wäre ich kurz von einem Roboter abgescannt worden.)
Sie hält inne, antwortet mir und sagt dann lächelnd: Du kommst wohl nicht aus Berlin oder? Dann verschwindet sie, vermutlich ihre Suche fortsetzend. Ich bleib nachdenklich und abgescannt zurück. Ich bin vielleicht nicht in Berlin geboren, aber da ich nun schon fast 10 Jahre in Berlin wohne, weigere ich mich zu akzeptieren, dass dies die normale Form des menschlichen Umgangs unter Fremden darstellen soll. Ein paar wenige Gedanken dazu nach dem Klick.
Ohne Frage möchte ich dem genannten Mädchen keine bösartigen Intentionen unterstellen (wer weiß, welch schlechte Erfahrungen sie mit Typen schon gemacht hat). Auch will ich mich nicht darüber beschweren, was sie getan hat. Diese beispielhafte Begegnung hilft mir jedoch, euch eine mir schon häufiger aufgefallene Problematik zu erläutern: Dass sich menschliche Interaktion mit Fremden in dieser Stadt meist nur aufs Wesentlichste beschränkt und meist nur ressourcenorientiert stattfindet. Vor ein paar Jahren habe ich noch vom fantastischen BlaBlaBla, den man mit Fremden haben kann geschwärmt. Nun stelle ich fest, dass solcher kaum noch stattfindet.
photo: Rowena Waack / CC
Vielleicht liegt es an den sozialen Medien, am Texten, Chatten, Twittern, Poken usw., dass Leute verlernt haben sich zu unterhalten. Vielleicht ist es auch die Reizüberflutung, der wir in Berlin ausgesetzt sind. Vielleicht ist es das typisch-deutsche Bewusstsein für praktisches, zielorientiertes Handeln. Wahrscheinlich aber eine Kombination aus dem Genannten und noch viel mehr.
Doch wo Ziel, Zweck und Aussicht auf Erfolg die einzigen Motivationsparameter sind, bleibt für Menschlichkeit und Zufall kein Platz. Was jedoch aus meiner Perspektive und individuellen Erfahrung vollkommen falsche Handlungsmaximen darstellen. Alle Beziehungen, Freundschaften, Verhältnisse, die in meinem Leben eine Rolle spielen und gespielt haben, verdanke ich dem Zufall und der Intuition. Daher auch mein einfacher Appell an dieser Stelle. Hört auf euch ständig die Frage zu stellen: Könnte mir dieser Mensch von Nutzen sein? Hört auf überhaupt andere in die Kategorien: nützlich , unnütz aber fickbar und unfickbar einzustufen. Sicherlich ist in einer großen Stadt eine gewisse Selektion notwendig um nicht seine soziale Ressourcen vollkommen aufzubrauchen. Dennoch vertraut dem Zufall, der euch Menschen in den Weg stellt, die vielleicht nicht einer eurer vorgesehenen Lebenspläne im ersten Augenblick entsprechen. Denn erst aus der unerwarteten Freude einer zufälligen Begegnung kann etwas entstehen, was unseren Erwartungen nicht nur entspricht, sondern tatsächlich auch übertreffen vermag.


