Foto: Eylül Aslan

Ist euch schon mal aufgefallen, dass wir zwar gerne Berlin als Schlampe bezeichnen, oder uns über die Party-Nutten aufregen, sich aber die Anekdoten über unseren eigenen sexuellen Alltag in Berlin ziemlich in Grenzen halten? Ich glaube, das liegt daran, dass außer Lias Vorliebe für Pornographie in Spielfilmen wir ziemlich unaufregende Berliner sind, was unser Sexleben angeht. Beim Wort Darkroom denken wir an die roten Dunkelkammern von Fotografen und One-Night-Stand ist eine Wortkombination die wir öfter beim Nacherzählen von Sex and the City Folgen verwenden als alles andere. Darum umso mehr hat es uns gefreut von Blogger und Autor Kevin Junk für unsere Strange Magic Serie eine sexuell aufgeladene, magische Geschichte zu erhalten. Bei Happy Kater streift der Protagonist durch Berlins schmutzige Nacht und genießt die sexuellen Unschärfen, die unsere Hauptstadt jungen schwulen Männern bieten kann. Viel Vergnügen beim Lesen wünschend nach dem Klick.

Happy Kater

Ich stand also wieder in der Olfe. Honigwodka nippend, den Durchgangsverkehr ignorierend, ein Grinsen auf dem Gesicht. Gibt‘s denn keine anderen Bars in der Stadt, in die wir uns zurückziehen könnten? Die Olfe hat Tradition. Die versoffenen Abende am Kotti sind im Duett getanzte kleine Legendenballette. Mit den kleinen Eiswürfeln im Glas, die den zuckrigen Alkohol nach und nach verdünnen, wenn wir nicht schnell genug trinken, drehen wir uns zu jedem Glas eine Kippe. Wir stoßen schon nicht mehr auf irgendwelche sinnentleerten Begriffe an, sondern trinken einfach.

Ich renne diesem Typen in die Arme, der mich am Wochenende davor in der Panoramabar angemacht hat. „Ist das ein Gänseblümchen?“ fragte er mich und nimmt meinen Arm in die Hand auf dem ein Steuerrad tätowiert ist. Dass er mir so viel Kitsch zutraut, macht ihn unsexy. Wir tanzten weiter. Er stellt sich vor. Wir tanzten weiter. Später sahen wir uns auf dem Klo wieder und er fragt mich, ob mein T-Shirt dreckig ist. „Nein, das ist Batikfarbe“ sage ich und fasse mir an den Kopf. Jemand, der meinen Stil so beschissen decodiert ist nicht sexy.

In der Olfe erkennen wir uns jedenfalls und quatschen. Er spricht mehr mit meiner Begleitung als mit mir. Sie haben gemeinsame Feierbekanntschaften. Wir geben ihm einen Honigwodka aus. Ich langweile mich während die beiden irgendwelche Diskussionen führen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Meine Blicke brechen aus und treffen auf die Blicke von Männern, die mich aus dem Gespräch locken wollen.

In einer Stadt, in der ein Junge dich mag, wenn er nicht lächelt, habe ich mir angewöhnt einfach immer zu lächeln; vorwegnehmend, dass die meisten Kerle nicht raffen, was man von ihnen will, wenn man sie anlacht. Witzigerweise wirkt dieser Move auf die meisten scheinbar wie ein Bollwerk der Unnahbarkeit. Muss man sich mal vorstellen, man lacht einfach!

Weil ich weiß, dass mein Gesicht knautschige Lachfalten wirft, wenn ich lache, versuche ich nur mit der linken Seite zu lachen, das heißt ich ziehe die Muskeln der linken Gesichtshälfte nach oben. Ich spiele die ganze linke Hälfte aus als wäre sie mein schelmischer Trumpf. Der Boy verscherzt es sich endgültig, als er sagt: „Kenne ich den dahinten? Keine Ahnung.“ Vor kurzem nach Berlin gezogen, gar kein Ding, aber so übersozial und dabei unkonzentriert: das brauchen wir beide an diesem Abend nicht. Wir lassen ihn einfach angepisst stehen und weiter überlegen, wen er kennt oder nicht. Klar ist da Empathie für das Bedürfnis den neuen Bekanntenkreis zu kartographieren und auszubauen. Aber jemanden, der soziale Kontakte pflegt, wie ein aufgeputschter Teenie, der sich durch eine Youtube-Playlist klickt und jeden Track nur kurz anspielt, kann ich gerade nicht ab. Ich will ganz gehört werden.

Wir schnacken mit dem Barkeeper, den wir beide ziemlich gut finden. Wie er hinter der Bar tänzelt, jungenhaft aber eigentlich aussieht wie ein rauer Seemann, damit komm ich gerade viel besser klar. Kein bisschen zynisch, aber amüsiert, macht er seine Bar. Die nächste Runde Honigwodka geht auf‘s Haus. Es ist gemütlich, weil wir nichts mehr erwarten. Die Hörner lange abgestoßen, nicht desillusioniert, aber auch nicht utopische Saltos schlagend, sind wir einfach morgens in der Olfe und freuen uns darüber, dass das Leben nach Honigwodka schmeckt.

Als die Olfe fast leer ist, verabschiede ich mich von meinem Seemann, packe meine Begleitung ein und ziehe ins Roses. „Ich hab dich schon in der Olfe gesehen.“ Zu meiner Begleitung lallt der Typ, sie sei sehr nah an der weiblichen Energie und nennt mich einen Freigeist. Amüsiert und koksig-kokettierend sitzen wir da und versuchen die Komplimente zu verstehen. So viel Aufmerksamkeit wollten wir gar nicht, als wir alleine unter Menschen gingen, um einander die Wunden zu lecken. Freigeist und weibliche Energie high-fiven einander. Der Suff wird langsam unerträglich, der Heimweg kommt uns immer weiter vor.

Ein anderer Typ kommt zu mir. Er betatscht mich, fickt mein Bein ganz langsam wie ein rattiger Dackel und küsst mich. Er lässt den Kopf hängen wie ein trauriger Hund und murmelt „Come on“. Seine Hundeküsse sind mehr ein Abschlecken. Unbeholfen tänzelt er vor uns hin und her, raunt sein lallend-verführerisches „come with me“ und zieht irgendwann ab. So besoffen wie er war, hätte er ohnehin nicht gewusst, wo er wohnt geschweige denn einen hoch gekriegt. Die dicke Besitzern schwirrt wie eine Hummel durch den Raum und balanciert ihre bipolar gestörte Aura zwischen liebenswert und gruselig.

Irgendwann brechen wir dann doch auf. Das letzte Bier, das wir von unserem letzten Geld gekauft haben, trinken wir nicht mehr aus. In der Bahn lachen wir über den Abend, rekapitulieren die Highlights unserer unbeholfenen Interaktionen mit der Realität und können nicht anders, als die Melancholie vom Platz zu verweisen. Später schreiben wir uns auf Facebook, dass wir uns wirklich verdammt dreckig fühlen (körperlich) aber seelisch so unendlich gut.

Happy Kater halt.

Text: Kevin Junk

Kevin Junk (geb. 1989) studierte japanische Literatur in Trier, Berlin und Kyoto. Er schreibt als freier Autor und Journalist literarisch, essayistisch und faktisch über Pop- und Subkultur. Mehr auf seinem Blog wolf auf tausend plateaus . Außerdem ist er der Herausgeber des ÜBERGANG Magazins für queere Literatur und Kultur. Gerade arbeitet er an der Veröffentlichung seines ersten Romans  Vom frommen Tanz der Wölfe .

Lest die erste  Strange Magic story.

Lest die zweite Strange Magic story.

Lest die dritte Strange Magic story.

Lest die vierte Strange Magic Story

Lest die fünfte Strange Magic Story.

Read this article in English.


by
on November 27th, 2013
updated on November 28th, 2013
in Stories