Installationsansicht Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale, Gropius Bau, Berlin, 2020, Foto: Laura Fiorio. 

Die Kulturszene hat der Lockdown sehr hart getroffen. Da ich mich beruflich viel in der Kunstszene bewege, machte es mich besonders traurig auf Ausstellungen und Besuche in Museen verzichten zu müssen. Ich bin auf der einen Seite zwar begeistert, wie vielfältig das Programm online ist: Wie nah man plötzlich Künstlern, Museen und Galerien kommen kann. Es ist alles sehr persönlich geworden und wir können viele Blicke hinter die Kulissen werfen. Andererseits kann für mich das Erfahren von Kunst vor Ort – die Nähe zum Kunstwerk, die Dimensionen von Arbeiten klar vor sich zu sehen – nichts ersetzen.

Umso glücklicher war ich, endlich wieder in eine Ausstellung gehen zu können. Ich entschied mich als Erstes für den Martin-Gropius-Bau und die Ausstellung von Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale (noch bis zum 12. Juli 2020). Lee Mingwei ist ein taiwanesisch-amerikanischer, zeitgenössischer Künstler, der sich den Ritualen des Schenkens und Beschenktwerdens widmet.

 

 

Die Ausstellung ist sehr interaktiv gestaltet, man wird herausgefordert in sich zu gehen und selbst aktiv zu werden. Hier werden Performances und Installationen des Künstlers der letzten drei Jahrzehnte gezeigt, einige der Arbeiten hat Lee aber auch an die jetzige Coronasituation angelehnt. Damit geht es gleich im ersten Raum los. Hier sind kleine, abgegrenzte Ruheräume aufgebaut. Der Künstler bittet euch, die kleinen Räume zu betreten und einen Brief an sich selbst zu schreiben, der sich mit folgenden Fragen beschäftigen könnte: ‚Wie gestaltet sich die aktuelle Situation für dich? Was beunruhigt dich am meisten? Was gibt dir Hoffnung?‘ Verschließt man die Briefe anschließend und schreibt seine Adresse auf, werden sie vom Martin-Gropius-Bau verschickt. Man darf seine Gedanken aber auch für die anderen Besucher hinterlassen: Offene Briefe dürfen gelesen werden. Es ist schön, gleich am Anfang diese emotionale Arbeit zu erfahren, es gibt dir ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Nicht-Alleinseins.

Vor der Ausstellung hat der Künstler Berliner*innen eingeladen aktiv zu werden. Man konnte Kleidung und Gegenstände aus Stoff, die eigens für dich angefertigt wurden, einreichen. Diese Gegenstände sind in Holzkisten verpackt, die dazugehörige Geschichte erfahren wir auch. Es sind Objekte, die zunächst banal erscheinen, für mich selbst keine Bedeutung haben – für den Besitzer aber umso mehr. Es ist ein bisschen wie in einem fremden Tagebuch zu lesen, doch man fühlt sich dabei gut, denn die Gegenstände wollen ihre Geschichte erzählen.

 

 

Ein anderer Raum wurde in ein Wohnzimmer verwandelt und ermöglicht es freiwilligen ‚Sammler*innen‘, in diesem Raum als Gastgeber*innen aufzutreten. Es entsteht so eine ‚Ausstellung in der Ausstellung‘. Die Leihgeber sind vor Ort und erzählen gerne mehr zu den gesammelten Objekten, die einen persönlichen, aber auch ästhetischen Wert haben können. Bei meinem Besuch wurde eine Sammlung aus unterschiedlichen Steinen vorgestellt. Die Liebe und Hingabe der Sammlerin, hat mich dabei besonders berührt. Mir wurde wieder klar, wie variabel wertvoll bestimmte Gegenstände für unterschiedliche Menschen sein können.

In einer anderen Arbeit, lädt Lee 11 Maler*innen ein, eine Bilderserie des amerikanischen Malers Edward Hicks (Peaceable Kingdom ca. 1833) zu kopieren, mit der Fragestellung im Hinterkopf: ‚Was ist eure Vision von Frieden?‘ Die 11 Künstler fordern im Anschluss weitere Künstler*innen auf, eine Kopie ihrer Version der Arbeit zu erstellen. Ergänzend dazu erscheinen Texte zu den Arbeiten, die einen Einblick geben, was Frieden für die Kunstschaffenden bedeutet. Entstanden sind verschiedenste Versionen der ursprünglichen Arbeit. Jeder hat seinen eigenen Blick, seine eigenen Interpretationen. Wie schön, dass die Welt so bunt ist!

 

  

 

Jeder der weiteren Arbeiten hat mich sehr begeistert und berührt. Zum Schluss haute mich aber noch eine Erfahrung in der Ausstellung total um. Ich wurde angesprochen mit der Frage: „Darf ich dir ein Lied schenken?“ Auf jeden Fall… Ich wurde zu einem Stuhl geführt und (im großen Abstand) hat mir eine Opernsängerin ein Lied vorgesungen: Nur für mich! Das war absolut magisch. Sie hielt die ganze Zeit den Augenkontakt zu mir. Das fühlte sich die ersten 10 Sekunden sehr merkwürdig und ungewohnt an. Sollte ich lächeln, wegschauen, die Augen schließen? Dieses leichte Unwohlsein verwandelte sich aber schnell in pure Begeisterung. Denn wann bekommt man schon ein so schönes Lied geschenkt?

Ich ging von Raum zu Raum und ließ mich auf die schönen Einblicke in das Innere des Menschen, mich selbst, die Erfahrung mit einer neuen Kultur und in die Gedankenwelt von Lee Mingwei ein.

 

 

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin

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Olga
by
on Juni 29th, 2020
updated on Juli 8th, 2020
in Kunst