Sustainable Listening 5: Müssen wir zur Arbeit gehen, während die Welt am untergehen ist?

 

Die einzigartige Veranstaltungsreihe Sustainable Listening, kuratiert von iHeartBerlin an der Staatsoper Berlin, verbindet klassische Musik mit drängenden Klima-Fragen. Diese Ausgabe widmet sich dem Thema, wie wir unsere Lebenszeit für die Arbeit aufwenden. Wäre diese nicht vielleicht besser investiert, den Planeten zu retten oder einfach zu entspannen?

Als Amazon seine autonomen Ladenkonzepte in den USA einführte, löste dies viele Diskussionen aus. Wird KI uns die Arbeitsplätze wegnehmen? Oder wird sie unser Leben verbessern, indem sie uns ermöglicht, sinnvollere Aufgaben zu übernehmen, anstatt an der Kasse zu sitzen? Diese Debatten zeigten sich im Nachhinein als hinfällig. Im April kündigte Amazon an, das Konzept auslaufen zu lassen. Was wie KI-Magie aussah, wurde in Wirklichkeit von Tausenden unterbezahlten indischer Telearbeiter:innen angetrieben, die Artikel zu den Warenkörben hinzufügten und Kunden basierend auf ihren Einkäufen abkassierten. Die Illusion des autonomen Ladens platze und erwies sich als finanziell nicht tragfähig – denn die Kassierer:innen wurden nicht per KI ersetzt, sondern einfach ausgelagert und überwachten die Kunden aus der Ferne.

Dies ist eines der Beispiele, die der Politikwissenschaftler und Experte Lasse Thiele bei der neuesten Ausgabe von Sustainable Listening vorgestellt hat. Seine Forschung und Beratung untersucht die Schnittstelle von sozialen Arbeitsideen und Umweltkonzepten. Aus seiner Perspektive stecken wir in einem absurden Dilemma: Wir brauchen Jobs, um unser tägliches Leben zu finanzieren, doch viele dieser Jobs verbrauchen Ressourcen und schaden unserem Planeten. Also die echte Grundlage unserer Existenz. Wie können wir diesem Kreislauf entkommen? Thieles Standpunkt, der im Laufe des Abends präsentiert wurde, ist ziemlich einleuchtend:

Wieso labeln wir Nachhaltigkeit statt als Verzicht auf bestimmte Möglichkeiten (wie Wochenendflüge) als ein Mehr an Lebensqualität? Zum Beispiel, weil wir weniger Zeit vor dem Computer arbeiten müssen?

 

 

Können wir uns überhaupt eine Welt ohne Kapitalismus vorstellen?

Eine nachhaltige Transformation weg vom Kapitalismus und dem täglichen Schaden, den unsere industrielle Welt dem Planeten zufügt, wirkt unmöglich und unvorstellbar. Auch dieser Artikel beispielsweise wurde auf einem Computer geschrieben (hergestellt aus nicht nachhaltigen Materialien) nach meinen regulären Arbeitsstunden, weil ich meine Hauptarbeitszeit für Projekte aufwenden muss, die meine Miete und Rechnungen bezahlen.

Doch innerhalb der Klima-Kapsel von Sustainable Listening schien das Unmögliche für einen Abend greifbar. Zwischen den Redebeiträgen von Lasse Thiele spielten Musiker der Staatsoper ein sorgfältig ausgewähltes Repertoire. Ein Stück, das besonders emotionale Resonanz fand, stammte vom italienischen Komponisten Luigi Nono. Es basiert auf Aufnahmen aus einem Stahl- und Eisenwerk in der Nähe von Genua. Nono nahm die Geräusche und Stimmen der Arbeiter auf und verknüpfte sie mit Teilen für vorab aufgenommene und live gesungene Sopranstimmen. Er übertrieb und verzerrte einzelne Laute, um die menschlichen Emotionen bei der Arbeit unter solch harten Bedingungen hervorzuheben.

Nach dem Konzert und den Reden zerstreute sich das Publikum nicht wie üblich im Theater oder der Oper. Stattdessen blieben die Besucher, um zu diskutieren und über das Erlebte nachzudenken.

 

 

Selbst wenn du diese  Ausgabe von Sustainable Listening verpasst hast, gibt es kein Grund sich zu ärgern. Für ein Update zur nächsten Ausgabe im März und Juni 2025 einfach unseren wöchentlich aktualisierten Veranstaltungskalender verfolgen.

Sprecher: Lasse Thiele

Musik: Gebrüder Teichmann & Staatskapelle und Opernensemble

Ein großes Dankeschön an BRLO für das Bereitstellen von Bier, das gegen eine Spende für einen guten Zweck ausgegeben wurde.

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Claudio

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