Mit der bevorstehenden Schließung des beliebten Neuköllner Nachtclubs Griessmühle, dem ältesten Kino Berlins, dem Moviemento, das um sein Überleben kämpft, und dem ikonischen Clärchens Ballhaus, was bereits geschlossen hat, ist die aktuelle Stimmung in der Stadt schon ziemlich im Keller. Wird das Berlin, das wir kennen und lieben, jetzt allmählich geschlossen? Haben die kommerziellen Mächte, endlich gewonnen und das alternative, unbezähmbare, freiheitliche Berlin geschluckt? Ich mache euch keinen Vorwurf, wenn ihr so empfindet.

Als jemand, der Berlin seit 20 Jahren beobachtet, habe ich viele geschätzte Clubs und kulturelle Orte gehen sehen, einige werden heute sogar noch sehr vermisst. Die Teilung der Stadt, die ungewollten und verlassenen Orte, die Relikte der Industrialisierung, sie alle boten so viel Raum, dass die Untergrund- und Nachtclub-Szenen sich entwickeln und gedeihen konnten, besonders seit dem Fall der Mauer. Sie schuf einen immer durstigen und unbeirrbaren Geist, um Räume, Objekte und Ideen neu zu erfinden, neu zu nutzen und mit ihnen zu experimentieren. Sie schuf eine Stadt, die ihren Mangel an pompösen Sehenswürdigkeiten zu einer Tugend und ihren Lebensstil zu jener magnetischen Qualität machte, die in den letzten Jahrzehnten unzählige Menschen hierher brachte.

Die Stadt bot eine Alternative zu den überfüllten, überteuerten und unter hohem Druck stehenden Metropolen der Welt, indem sie die gängigen Statussymbole von Reichtum und Ruhm in Kreativität und Freiheit verwandelte. Historisch gesehen war dies in Berlin schon immer ein Faktor, auch in Epochen, die weit über die wiedervereinigten 90er Jahre hinausgehen. Wieder einmal wurde es zum Zauberrezept, das die Menschen dazu brachte, sich in die Stadt zu verlieben. Aber natürlich braucht jedes Rezept seine Zutaten. Und wir müssen uns heute fragen: Gehen uns diese aus?

Für die Lebensdauer berühmter Clubs gibt es drei Möglichkeiten: Sie sind eines Tages gezwungen, zu schließen, was sie zu einer Legende der Nachtleben-Historie macht, sie verwandeln sich allmählich in einen Mainstream-Touristen-Hotspot, oder sie sind das Berghain. Im Falle Berlins scheint es kein anderes bekanntes Ergebnis zu geben. Und natürlich ist es die erste Option, die uns am meisten trifft. Wenn ein Ort, den man lieb gewonnen hat, schließen muss, gibt es immer eine Empörung, eine Enttäuschung, das Ende einer Ära und die Angst vor der Zukunft.

Seit ich nach Berlin gekommen bin, habe ich das öfter erlebt, als ich es mir wünschen könnte. Mein erster Herzschmerz war die Schließung des KOSMOS-Kinos, das ich sehr liebte. Was folgte, waren unzählige Clubs: Casino, Ostgut, Maria, Pfefferberg, ZMF, WMF, Bar 25, Icon, Rio, Scala, Picknick, Cookies, HBC, White Trash, Farbfernseher. Die Liste geht weiter. Und die Geschichten sind immer die gleichen: Ein Mietvertrag wurde nicht verlängert, Gebäude wurden abgerissen, ein Nachbar beschwerte sich über Lärm. Diese Orte haben immer gegen etwas zu kämpfen und existieren oft auf geliehene Zeit.

Vielleicht ist es dieser Zustand der Unsicherheit, der zur Faszination beiträgt. Man weiß nie, wann ein Ort unerwartet geschlossen wird, also macht man besser das Beste daraus, solange es noch geht. Ich erinnere mich, dass das Scala ein so einflussreicher Ort für mich war, aber er ihn gab es eigentlich nur etwa ein Jahr.

Mir ist auch aufgefallen, dass einige Orte des Nachtlebens sehr widerstandsfähig gegen ihre Verdrängung sind. Der legendäre KitKat-Club, der heutzutage ebenfalls bedroht ist, wurde in seiner langen Geschichte tatsächlich mehrfach aus seinen Räumen verdrängt. Von einer kleinen Bar über das glamouröse Metropol bis hin zu den Industriehallen der Malzfabrik hatten sie viele Herbergen, bis sie ihre jetzige fanden, die ein Dach mit dem einst legendären Sage Club teilt. Vor diesem Hintergrund machte ich mir weniger Sorgen um seine Zukunft, als sich vor einigen Monaten die Nachricht verbreitete, dass der Mietvertrag mit Sage gekündigt wurde. Aber wie sich später herausstellte, hatte KitKat seinen individuellen Vertrag, der – bis jetzt – nicht betroffen ist.

Die Bar25 hatte eine ganz andere Art von Überlebensgeschichte, die selbst für Berlin neue Maßstäbe setzte. Wie bei den meisten dieser Art von Orten, die für die Eigentümer der Immobilien “Zwischenlösungen” waren, kamen die Mietverträge immer nur befristet von Jahr zu Jahr. Der ikonische Open-Air-Club hat so ziemlich der die Party Ära der 2000er definierte. Führ mehrere Jahre in Folge beendete er seine Saison, bevor sein Mietvertrag verlängert wurde oder nicht, und musste mehrmals hintereinander seine endgültige Schließung feiern, weil er nie wusste, ob er im nächsten Jahr wieder öffnen konnte. Selbst als er dann doch final schließen mussten, begannen er bald ein neues Leben auf der anderen Seite der Spree im Kater Holzig, das fast ebenso ikonisch wurde. Und nachdem dieser Ort in Luxuswohnungen umgewandelt worden war, eröffneten sie auf der ursprünglichen Seite der Spree als Kater Blau wieder.

Aber natürlich ist nicht jeder Club so belastbar oder von Glück gesegnet. In einem Interview mit der Tagesschau zählte die Clubcommission Berlin kürzlich 100 Clubs, die in den letzten 10 Jahren schließen mussten. Das ist viel mehr, als selbst mir bewusst war.

Auch die Geschichte der Griessmuehle ist noch lange nicht zu Ende. Und sie reicht auch weiter zurück als die 9 Jahre, die es diesen Ort in Neukölln gibt. Für mich begann ihre Geschichte als “ZMF”, einem kleinen charmanten Kellerclub in einem Hinterhof in der Brunnenstraße nahe der U-Bahn-Haltestelle Rosenthaler Platz. Ich liebte diesen Ort und war traurig, als er nach nur wenigen Jahren schloss. Aber sie setzten ihre Partys an anderen Orten als “ZMF im Exil” fort und fanden sogar einen neuen Raum, den sie eine Zeit lang weiter oben in der Straße hatten, namens Brunnen70. Nachdem dieser geschlossen wurde, war ihre nächste Station die Griessmühle in Neukölln.

In ihrer letzten Pressemitteilung kündigten sie an, dass die Schließung bis Ende des Monats zumindest um einige Tage verlängert werden könne, so dass die geliebte queere Party Cocktail d’Amour Anfang Februar einen letzten Tanz veranstalten könne. Doch danach müssen die Türen in diesem Raum in der Nähe der Sonnenallee geschlossen werden. Zum Glück haben sie zwei Clubs gefunden, die ihre Räume ausleihen werden, damit sie ihr geplantes Programm fortsetzen können: Die Alte Münze in Mitte (das derzeitige Zuhause von Pornceptual) und der Polygon Club in Lichtenberg beim Ostkreuz. Eine Rückkehr in die Sonnenallee zu einem späteren Zeitpunkt klingt zwar unwahrscheinlich, ist aber offenbar nicht ganz vom Tisch, da die Verhandlungen zwischen dem Club und dem Grundstückseigentümer unter Vermittlung der Clubcommission Berlin mit Unterstützung des Berliner Senats weitergehen.

Ich bin zwar auch beunruhigt über die hohe Zahl von Schließungen von Clubs und anderen Subkultur- und Untergrundorten in den letzten Jahren, aber ich glaube, dass die jüngste Unterstützung für den Fall Griessmühle nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern auch von Politikern einen neuen Präzedenzfall schafft, der eine neue Ära für Berlin einläuten könnte. Man könnte sagen, dass die jahrelangen Bemühungen der Clubcommission Berlin endlich Früchte tragen, wenn selbst konservative Politiker der CDU nun endlich die Berliner Clubs erhalten wollen. Die Resonanz der internationalen Presse auf diesen Fall war spektakulär. Das hilft natürlich der Entwicklung, indem es bei den Entscheidungsträgern ein Bewusstsein schafft, die vielleicht zu lange die Augen verschlossen haben. Vor allem Bauträger werden eine Art Warnung erhalten haben, dass sie die Club-Infrastruktur der Stadt nicht einfach weiter abreißen können, ohne die Leistungen und die Bedeutung dieser Orte zu berücksichtigen.

Auch wenn wir vielleicht noch einige leere und verlassene Ecken in der Stadt haben, in denen sich neue Clubs und Projekte entwickeln könnten, können wir uns nicht einfach weiterhin auf die regenerativen Kräfte Berlins verlassen, sondern müssen damit beginnen, die bestehenden Räume vor der Verdrängung zu schützen, wenn wir die Schließung Berlins, wie wir es jetzt kennen und lieben, verhindern wollen.

Read this article in English.

Frank
by
on Januar 30th, 2020
in Stories