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Wenn wir eines im letzten Jahr gelernt haben, dann, dass viele Dinge, an die wir gewöhnt waren, völlig neu gedacht und erfunden werden mussten. Das gilt vor allem für die Kultur- und Kunstszene, die lange Zeit komplett stillgelegt war und nur wenige Alternativen bot.

Die Opern und Theater hatten in den wenigen Monaten, in denen sie öffnen durften, einige der einschneidendsten Einschränkungen, die die Zuschauerkapazitäten reduzierten und die Spielzeiten verkürzten. So gab es nur sehr wenige Möglichkeiten, etwas auf der Bühne zu sehen, nur wenige Leute hatten Glück mit Karten und das ist auch heute noch Realität.

 

 

Aber wie sagt man so schön: Not macht erfinderisch. Das müssen sich auch die Leute von der Staatsoper Berlin bei der Vorbereitung auf die Premiere der neuen Puccini-Inszenierung gedacht haben. Ursprünglich sollte die Oper online uraufgeführt werden, aber wegen der Wiedereröffnung bekam sie tatsächlich eine physische Premiere mit einem Live-Publikum. Natürlich waren die Karten schnell ausverkauft und aufgrund der verkürzten Spielzeit sind es nur wenige Vorstellungen. Um aber noch viel mehr Menschen die Chance zu geben, bei der Premiere dabei zu sein, entschied man sich, den Premiere in einem einzigartigen Autokino auf dem Flughafen Tempelhof zu übertragen.

Der stillgelegte Flughafen wurde zur spektakulären Kulisse für dieses besondere Ereignis. Opernfans und kulturell Neugierige kamen vor den Hangars zusammen, um die Oper auf einer riesigen digitalen Leinwand zu genießen. Drive-in-Kinos sind in Berlin nicht sehr häufig, daher war dies in mehrfacher Hinsicht eine seltene Gelegenheit.

Als die Leute ankamen und ihre Snacks und Getränke in ihren Autos aufstellten und auf den Beginn der Show warteten, konnte man sehen, dass jeder aufgeregt war, endlich wieder an einem Live-Event teilzunehmen. Wir alle haben uns nach solchen Erfahrungen gesehnt, also war es für alle, die kamen, ein freudiger Moment.

Einige Leute kamen in wirklich originellen Autos, einige hatten supercoole Cabrios und einige kamen sogar mit Carsharing-Autos, weil sie kein eigenes hatten. Als ich zwischen den Reihen hindurchging, konnte ich Augen voller Vorfreude und Begeisterung sehen.

 

 

Als die Oper begann, verstummten alle Autos, deren Insassen gespannt der Aufführung lauschten.  Was sich auf der Leinwand präsentierte, war visuell nicht das, was man von einer klassischen italienischen Oper erwarten würde. Es handelt sich um eines der weniger bekannten Stücke von Puccini – es war sogar das erste Mal, dass es an der Staatsoper Berlin überhaupt aufgeführt wurde. Und auch die Thematik ist recht ungewöhnlich: Es ist eine Wild-Wild-West-Geschichte mit Cowboys und Barfrauen, viel Dreck und viel Drama – nun ja, das Drama ist in der Oper natürlich gegeben.

Als die Show nach fast drei Stunden zu Ende war, klatschte und pfiff das Publikum ekstatisch. In typischer Autokino-Manier wurde der Applaus auch von Hupen und Lichthupe begleitet, was eine ziemliche Geräuschkulisse erzeugte. Ich kann nur hoffen, dass die Opernsänger etwas von diesem besonderen Applaus in der Staatsoper mitbekommen konnten. Die Sonne war bereits untergegangen und malte den Himmel in einem schönen Farbverlauf und einige Lichterketten neben der Leinwand sorgten für eine schöne Atmosphäre.

Es war wunderbar zu sehen, dass so viele Menschen den Abend wirklich genossen haben, nicht nur wegen der Oper selbst, sondern auch wegen dieses einzigartigen Erlebnisses in dieser großartigen Kulisse. Es war eine der ersten Live-Veranstaltungen, die wir persönlich besucht haben, und es war ein Glücksfall, dies wieder tun zu können. Wir hoffen, dass der Sommer mehr Gelegenheiten wie diese bietet – wir freuen uns auf mehr…

 

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Frank
by
on Juni 22nd, 2021
in Theater