Da war ich nun, in meiner Berliner Küche, und kümmerte mich um meine eigenen Angelegenheiten. Ich bereitete in gemächlichem Tempo einen Salat zu, als ich einen runden, klebrigen, grauen, schleimigen Klecks auf einem der Biosalatblätter bemerkte (hat noch jemand bemerkt, dass Biosupermärkte weniger von den Panik-Käufern betroffen sind?) Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich der Klecks als eine sehr kleine, ich wage zu sagen, süße Schnecke. Was sollte ich tun? Ich dachte darüber nach, sie auf meinen Balkon zu abzusetzen, aber ich dachte schnell anders, da ich meine Lieblingspflanzen und seit kurzem auch meine einzigen Gefährten nicht gefährden wollte. Vielleicht würde ich sie in ein kleines Stück Salat einwickeln und aus dem Fenster werfen. Nein. Aus dem 5. Stock wäre ein unnötiges Risiko und unverantwortlich (wie die Teenager, die diese Woche eine Corona-Party – nein, nicht das Bier – in Pankow veranstalten).

Ich entschied mich dafür, sie über Nacht in einem Glasgefäß aus meiner zu recycelnden Ecke aufzubewahren. Oder wie ich es nenne, den Stapel von Gläsern, der mindestens einen Monat lang auf meinem Tresen liegen wird, bevor ich sie bis zu den Glasrecycling-Tonnen bringe, die gut 20 Meter von meinem Haus entfernt sind. Die Schnecke könnte die Nacht in meiner Küche verbringen. Ich würde sie morgens nach unten bringen und ein geeignetes Zuhause für sie finden. Ich spülte das Glas sorgfältig aus und legte meinen Verlobten – ähm, entschuldige, Schatz, (da muss die Isolation sprechen) mit einem Stück Salat, etwas Radicchio und einer Scheibe Gurke als Zugabe hinein. Nachdem mein eigener Salat endlich zubereitet und verzehrt worden war, ging ich nach meinem Baby sehen. Zu meinem Entsetzen schien es in dem kleinen Stückchen Wasser, das sich am Boden des Glases angesammelt hatte, zu schwimmen und sich nicht zu bewegen. Hatte ich meinen einzigen atmenden Begleiter ertränkt? Schnell ließ ich das Wasser ab und führte eine HLW durch. Nur ein Scherz, natürlich hörte mein Wissen über HLW einige Tage nach dem Kurs auf, den mir mein letzter Arbeitgeber angeboten hatte. Jedenfalls habe ich die Schnecke liebevoll wieder in ihr Haus gelegt und den Atem angehalten. Ein Erfolg! Ihr ging es gut und sie war lebendig! Ich beschloss, aus Angst, sie zu ersticken, den Deckel nicht aufzusetzen und ging zu Bett.

Am nächsten Morgen trabte ich eifrig in die Küche (ja, ich trabte, Fitnessstudio ist geschlossen, erinnert ihr euch?), um meine Schnecke zu begrüßen. Sie war weg. Nichts mehr da. Das Glas war leer, der Salat unberührt. Ich kratze verzweifelt mein Gesicht. Neeeeeeeeiiiiiiiiiiiiin. Was hatte ich getan? Die Schnecke konnte inzwischen überall sein und einer Vielzahl von Gefahren ausgesetzt sein, vor denen ich sie nicht mehr schützen konnte. Es folgte eine Untersuchung, und so inspizierte ich die schwarze Küchentheke, auf die das Glas gestellt worden war, genau und entdeckte eine Schleimspur. Aha! Ich brauchte nur dieser 10 cm langen Spur zu folgen, und schon würde ich sie finden! Am Ende des gleißenden Hinweises lag ein dunkel aussehendes Reiskorn. Ich hob es auf. Es war kein Reiskorn, nein. Es war die Schnecke. Leblos, ganz vertrocknet. Sie hatte anscheinend keinen Schleim mehr, um die Freiheit wiederzuerlangen. Diese emotionale Achterbahnfahrt hat mich ausgelaugt. Ich fragte mich, ob auch mir nach der Quarantäne der Schleim ausgehen würde.

Text: Emilie Lomas

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Habt ihr auch eine Geschichte aus eurer Quarantäne zu erzählen? Ihr könnt uns gerne euren eigenen Tagebucheintrag einreichen, indem ihr eine E-Mail an hey@iheartberlin.de sendet. Wir freuen uns darauf, diese Erfahrung mit allen iHeartBerlin-Lesern zu teilen.

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on März 20th, 2020
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