Eine Sammlung von Momenten eingefangen irgendwo zwischen Aufbruch und Ziel.

Ein letzter energischer Sprung und ich rette mich in die abfahrende U1.

BEEP BEEP BEEP.

Die Türen schließen, ich nehme auf der lila gemusterten Sitzbank Platz.

Der Blick wandert über die vermummten Gesichter meiner Mitfahrer*innen, knapp ein dutzend, vor nostalgisch, dunkelbrauner Holzvertäfelung.

Ich –– auf dem Weg zum abendlichen Fitnessprogramm; auch noch die letzten Happen Energie verbraten.

Sie –– auf dem Weg nach Hause, in die nächste Bar am. Kotti oder noch schnell in einen in Samt gehüllten Kinosaal, die nächstjährigen Oscar-Anwärter begutachten,

bevor zu Hause dann schon wieder das Bett ruft

–– Mittwochs-Monotonie im Szeneviertel.

Ich schaue mich um, im halb gefüllten Wagon ––

Denkpause.

An die Wand gepresst stehe ich nicht, auch den Dönergeruch meines schmatzenden Gegenübers atme ich nicht ein,

kein Nacken in meinem Gesicht,

kein dreckiger Doc Marten auf meinem frisch gewaschenen Adidas Sneakern.

Recht bequem sitze ich, in der U-Bahn um 18.25h, an einem Mittwoch.

Mein Hirn arbeitet, langsam.

 

 

Es ist kurz vor Weihnachten in Berlin:

Der Stadt der Expats, der Kleinstadt-Verlasser, der Globetrotter.

Die Stadt solcher, die Altes zurücklassen, um neue Ufer zu erkunden.

Doch auch der abtrünnigste Mensch kehrt einmal im Jahr zurück dorthin, wo alles begann.

Gewollt oder ungewollt? –– geteilte Meinungen.

Die Metropole leert sich; eine Woche Stillstand im hedonistischen Chaos, ein paar Tage stoppt der Tanz auf dem Vulkan.

Wenn sogar die größte Rave der Stadt auf ‘weniger ist diesmal mehr’ setzt,

dann scheint die sonst so rastlose Stadt endlich mal zur Ruhe zu kommen.

Und ich krieg’ ‘nen Sitz in der U-Bahn.

„Endlich hat man mal Luft zu atmen“, schwärmt meine laute Urberliner Kollegin im Großraumbüro. „Zu Weihnachten geht’s mit der Familie immer genau dorthin, wo es uns sonst zu voll wird.“

Mit Mami schlendern auf der Simon-Dach…

Mit Papa Rad fahren auf dem Feld …

Mit den alten Schulfreunden drei Toiletten im Club auf einmal belegen … einfach, weil man’s kann!

Ich sinniere weiter vor mich hin, als ich am Kotti die Rolltreppe herunterfahre, hinter und vor mir Platz für drei.

Schon überkommen mich gemischte Gefühle über die morgige Abreise,
so gleicht das Zurücklassen Berlins doch immer einer ungewollten Organtransplantation;

die Rückreise gleicht stets dem Aufatmen mit der wieder eingesetzten Lunge.

Ich biege in den beige gekachelten Gang Richtung Kottbusser Damm.

Vorbei an Berthold mit seinem braun-schwarz gesprenkelten Labrador Dexter, der wie so oft auf einer zerrissenen grauen Decke an der Ecke sitzt.

Gesprochen habe ich mit ihm noch nie. Doch irgendwie hat der kleine Mann mit tiefen Falten im Gesicht so etwas Britisches …

So taufte ich ihn Berthold; doch bleibt der Mut zur Frage, welcher Name sich denn wirklich hinter der tief sitzenden Wollmütze verbirgt, wie immer aus,

wie immer zu schnell, wie immer zu eilig.

Wie immer schenke ich den beiden ein kleines Lächeln –– wenigstens das –– auch, wenn es nicht klimpert.

Berthold lächelt müde zurück; der Blick stets glasklar, keine Narben auf der Haut, keine alten Verbände um die Waden ––

Denkpause.

 

 

Wenn ab morgen immer weniger Menschen die Tunnel der Stadt befahren,

von Spandau nach Hönow, Rudow bis Tegel,

sitzt er hier immer noch und wartet.

Schon in weniger als einer Woche, wenn die Stadt wieder bebt und brodelt, gibt diese Ecke abermals die Illusion der Gemeinschaft, inmitten anonymer Ströme.

Doch nun, während sich Scharen von Berlinern um abgehackte Tannenbäume mit Glitzerdekor versammeln ––, ob geliebt oder verachtet ––

sitzt er hier, mit Dexter.

Gedanken versunken laufe ich die Treppe hoch,

lande mittendrin in Kottywood; grelle verschmutzte Lichter, der Geruch nach altem Fritösenfett gemischt mit scharfen orientalischen Gewürzen und verschrobene Gesichter in grauen Hauseingängen.

Morgen fahre ich, die liebende Familie wartet.

Der junge Mann mit Schnauzer und schwarz-roter Lederjacke, der täglich um 18.30h mit einem Lächeln um die Ecke biegt, bleibt dann wohl aus ––

stille Nacht, einsame Nacht (?).

Zusammentreffen mit den Liebsten oder familiäre Gleichgültigkeit;
das Fest der Liebe für manche, für andere doch nur aufgezwungene Fröhlichkeit zu Kerzenschein ––

Es ist die seltsamste Zeit des Jahres.

Ein Mal drei-tägiges Familien-Idyll um jedem Preis bitte, danke!

Doch am Ende des Tages: ich bin ich allein in dieser alljährlichen Anomalie.

Dafür bin ich dankbar.

Abendliche Erkenntnisse kurz vorm Fitnessstudio …

… zurückgegangen bin ich trotzdem nicht ––

nicht einmal für ein simples „Hallo“ ––

Warum, weiß ich nicht.

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Andy
by
on Dezember 23rd, 2019
in Stories