Foto: Anabel Bossart

Da wir unseren Strange Magic of Berlin Open Call für beide Sprachen offen gelassen haben, hat es uns sehr gefreut Einreichungen in Englisch und Deutsch zu erhalten. Die nächste Geschichte ist, wie der Titel wohl bereits vermuten lässt, auf deutsch und zwar von Anabel Bossart. Anabel ist eine appenzeller Auswanderin in ihren Zwanzigern; sie studiert Nordamerikastudien in Berlin, arbeitet als Newsletter-Autorin in einem Museum in Mitte und entdeckt in ihrer Freizeit die Stadt mit ihren Wundern. Ihr Blog dokumentiert ihre oft kuriosen Befunde fotografisch, aber vor allem beinhaltet er viele kleine Anekdoten über das Leben von jemandem, der aus einem ebenso skurilen Nachbarsland stammt. Genießt ihre Perspektive auf die Stadt nach dem Klick.

von zeitkapseln und glücksmomenten

berlin ist oft genau so, wie man will, dass es ist.
je nach blickwinkel ist es gigantisch, einengend, rau, düster. manchmal brutal. an diesen tagen sind die u-bahn-wagen kleine, blecherne gefängnisse, in denen die eingepferchten massen widerwillig und holpernd durch den dunklen untergrund gekarrt werden. fast wie in “metropolis” strömen sie nach ihrer ankunft seelenlos durch die automatischen türen die schächte hoch an ihren zielort. and diesen tagen gehen bettler durch die passagierreihen, deren zerlumpte kleidung von strassendreck zutiefst geschwärzt ist. manchmal haben sie eingetrocknetes blut am hals und an den fingern. an diesen tagen wenden sich die leute still von der ausgestreckten hand ab.
an anderen tagen ist die stadt weit und offen, mit viel luft in den breiten strassen und alleen, mit abertausenden von türen, deren schlösser mühelos mit einem hauch aufklicken. an diesen tagen ist die u-bahn eine kleine, magische zeitkapsel, mit deren hilfe man mit schwindelerregender geschwindigkeit an tausend unbekannten orten auftauchen kann. mal zu einem kalten winterspaziergang vor der zukünftigen wohnung, mal vor dem computerspielemuseum, mal vor dem lieblingskebabstand (an dem ein “gemüsekebab” keineswegs vegetarisch ist. dazu muss man selbstverständlich einen “vegetarischen kebab” bestellen – wie man jedoch erst im nachhinein lernt). je nach laune spuckt einen die u-bahn vor der weltzeituhr oder dem tränenpalast aus. manchmal vor gigantischen bibliotheken. verdächtig oft auch einfach am kotti.
an solchen tagen sieht man dann auch einen jungen vater mit der kleinen tochter bellend (sie hoch, er tief) durch die strassen hüpfen, und fragt sich nicht wieso. oder der currywurst-verkäufer meint, er hätte auf so eine grosse note — 20 euro — kein rückgeld, aber er vertraue darauf, dass man irgendwann sonst mal die 1.35 vorbei bringe. an solchen tagen ist man manchmal selbst mit einer flasche wein unter den arm geklemmt unterwegs – vielleicht zu einem von östrogen überquillenden weiberabend in einer warmen küche irgendwo in neukölln. oder – wie heute – zu einem der vielen berliner weihnachtsmärkte.
an diesen tagen haben die menschen dann auch ein bisschen kleingeld, das sie in die ausgestreckten hände drücken.
und diese tage häufen sich zum glück gerade sehr.

Text: Anabel Bossart

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