Foto: Manuel Moncayo

Berlin ist größer als die Summe seiner Teile. Woran liegt das? Weil manche dieser Teile herausstechen. Das sind die Menschen, die aktiv die Stadt zu dem Ort formen, der sie ist. Ohne diese Individuen wäre die Stadt ziemlich grau und langweilig, aber dank ihres Engagements, Enthusiasmus und ihrer Kreativität wird Berlin mit Farben, Spaß und positive Vibes erhellt. Mit einer neuen Serie von Portraits wollen wir ein wenig Aufmerksamkeit für diese Menschen schaffen, die unsere Stadt bewegen, die sonst aber oft im Schatten ihrer eigenen Projekte stehen. Dafür sprachen wir mit drei Menschen, die uns wichtig sind und deren Projekte iHeartBerlin Leben und Bedeutung geben.

Inspiriert ist das Ganze von der Shape Your City Kampagne von Heineken, welche jetzt mit der Jurysitzung und der Auswahl des City Shapers in die nächste, heiße Phase geht. Wer die Vision einer Bar irgendwo in Deutschland verwirklichen darf, erfahrt ihr demnächst auch hier…

Den Anfang der Portraits-Serie möchten wir mir PANSY machen, die schlagfertige Dragqueen, die nicht nur fantastische Events in Berlin veranstaltet, sondern auch das queere Musikfestival YO! SISSY ins Leben gerufen hat. In unserem Interview sprachen wir mit ihr über die Veränderungen in Berlin, Verantwortung von Partymachern und die Poesie des Berliner Nachtlebens.

Foto: Manuel Moncayo

Was war dein erster Eindruck von Berlins verschiedenen Szenen, als du hier her gekommen bist?

Ich habe mich in Berlin verliebt, schon bevor das Flugzeug landete. Die Stadt hat eine Energie, die von Jahrzehnten subkultureller Revolution inspiriert ist und das liegt in der Luft. Ich habe mich gleichzeitig frei und anonym gefühlt. Ich war frei zu kreieren und auszuprobieren, mein Verlangen und Motivation als Erwachsener zu erkennen. Ich habe es geliebt, dass ich morgens in der Philharmonie sein konnte und abends mit dem Arsch in der Luft in einem Sexclub. Ich habe niemals zuvor eine solche Art der Freiheit erlebt.

Was hast du bis dahin gemacht?

Ich habe bis dahin schon an vielen verschiedenen Orten gelebt. Ich bin aus San Francisco nach Berlin gezogen. Dort hatte ich gerade meine Schule beendet und arbeitete für die HIV Stelle an der Haight Ashbury Free Clinic. Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich mir ein Leben nach sechs Monaten in San Francisco dort nicht vorstellen konnte. Es erschien mir unerschwinglich und ganz gleich, wie sehr ich die Stadt an sich liebte, ich war nicht glücklich dort. Berlin schien wie eine Oase der Erfahrungen am Horizont. Ich weiß das klingt klischeehaft und ich merke das jedes Mal, wenn ich diese Geschichte erzähle, aber Berlin hat mich gerufen und ich bin dem Ruf gefolgt.

Foto: Lisa Wassmann

Wie begann dein Engagement in Berlin’s Nachtleben?

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, die mir immer ein gutes Gefühl gibt, egal in welcher Stimmung ich bin, ist es zu einer Drag Show zu gehen. Ich konnte keine Drag Shows finden, die mir gefielen. Das heißt nicht, dass es keine gab, als ich nach Berlin kam. Aber ich vermisste den Cabaret Style voll von selbstironischem Humor. Also machte ich selber eine. Ich trat im The Club in Neukölln auf und ein, vielleicht zwei, drei andere Performer. Jedes Jahr wuchs die Show von 10 Performer auf irgendwann über 30. Es war so schön zu sehen, wie Menschen mit Lächeln und Lachen auf etwas reagierten, dass ich auf die Beine gestellt habe. Ich habe mich verbunden gefühlt wie nie zuvor.

Ich habe seit dem viele andere Projekte gestartet. Parties, Konzerte, ein Musikfestival, Lesungen und Sex Talks. Ich kam nach Berlin und fand den Sinn meines Lebens durch Drag. Komisch, nicht?

Hast du einflussreiche und aktive Menschen in Berlin kennengelernt, die dich dazu inspiriert haben, selbst mitzumischen?

Natürlich! Ich war gerade 30 geworden und realisierte, dass ich von all meinen Freunden so viele in Berlin gefunden hatte und sie erstaunlich kreativ und leidenschaftlich waren in dem, was sie taten. Einer der Gründe, warum wir das YO!SISSY Musikfestival gegründet haben war, dass wir so inspiriert von den Musikern waren, die in Berlin leben und arbeiten.

Foto: Lisa Wassmann

Auf welche Art, denkst du, kann jemand, der in Berlin gerade erst anfängt, mithelfen Berlin zu einem besseren Ort zu machen?

Beschwere dich nicht über Dinge, die anders sind. Bilde dich darüber, warum sie anders sind und dann finde Wege, wie du dabei helfen kannst, die positive Veränderungen umzusetzen, die du sehen willst.

Wie entstand die Idee so ein großes Projekt wie das queere Musikestival YO! SISSY zu gründen und wie hat es deinen Blick auf Berlin’s queere Kulturszene verändert?

Das begann, als mein Kollege Scout und ich mit unseren Hunden spazieren waren. Ich habe erzählt, dass ich daran interessiert wäre, ein Musikfestival zu gründen und wollte, dass er mitmacht, weil er die einzige Person ist, die genau so verrückt ist, wie ich. Eine Sache über YO! SISSY ist besonders wichtig: die freiwilligen Helfer. Wir haben so viele Leute, die aus allen Ecken Berlins kommen und ihre Zeit, Skills und Energie für etwas investieren, an das sie glauben. Das bringt mich jedes Mal zu Tränen und berührt mich immer wieder.

Welche Rollen spielen “Verantwortung” und Aktivismus für dich in einer Welt, die scheinbar vorwiegend von Hedonismus, sexueller Freizügigkeit und Exzess regiert wird?

Ich denke gerne, dass meine Arbeit über den Hedonismus des Nachtlebens hinausgeht. Ich glaube, Queers treffen sich in Nachtclubs wegen der Sicherheit und um sich selbst Ausdruck zu verleihen. Musik, Performance, Kostüme… all diese Dinge finden im Club statt und bringen uns als Community zusammen und erlauben uns, als kreative Wesen zu wachsen. Ich glaube außerdem, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, dass ich diese Plattform habe, wo ich Politik, Ideen und Ungerechtigkeit diskutieren kann. Für mich ist das eine große Verantwortung und etwas, dass sich alle bewusst machen sollten, die so etwas organisieren. Das ist der Grund, warum ich Let’s Talk About Sex & Drugs gegründet habe. Es geht um Spaß und Spiel, aber wir müssen offen und verantwortungsbewusst handeln.

Foto: Lisa Wassmann

Wenn du auf die riesige Anzahl von Events und Projekten zurückschaust, die du in Berlin gemacht hast und, die so viele Menschen glücklich gemacht haben, hast du das Gefühl, dass du etwas verändert hast auf die Art und Weise, wie du es dir gewünscht hast?

Ich bin so dankbar, jedes Mal, wenn mir jemand für meine Arbeit dankt. Ich bin immer noch nicht daran gewöhnt, glaube ich. All das kam so plötzlich und ich lerne erst damit umzugehen. Ich kann nicht wirklich über dein “Einfluss” nachdenken, den ich habe. Ich muss einfach weitermachen und mich auf die nächsten Projekte fokussieren. Es ehrt mich überhaupt diese Worte zu lesen, denn “Einfluss” ist nicht wirklich etwas, nach dem ich gestrebt habe. Ich will einfach einen Raum schaffen, wo man eine kleine Drag Show hat, die Leute zum Lachen bringt und ein bisschen Farbe in die Nacht zaubert.

Welche Veränderungen braucht Berlin in Zukunft? Und auf welche Art und Weise willst du Teil davon sein?

Die steigenden Mietpreise beeinflussen auch die Veranstaltungsorte. Das wiederum beeinflusst die Arbeit von Promotern und Performern, die Events produzieren wollen, die für alle erschwinglich sind. Ich würde gerne sehen, dass die Stadt kleinere und mittelgroße Veranstaltungsorte genau so wie Orte wie das Berghain fördert. Wir brauchen mehr Bühnen um unsere lokale Musik- und Performance-Szene zu unterstützen. Ich würde Berlin gerne in die Fußstapfen von Amsterdam und London treten sehen und einen Nachtbürgermeister ins Amt setzen, der die positive Entwicklung der nächtlichen Aktivitäten der Stadt überwacht.

Und ich würde gerne meinen eigenen Veranstaltungsort öffnen… mit einer Bühne natürlich.

Danke für das Interview!

Foto: Manuel Moncayo

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Ähnlich wie PANSY geht es auch allen Bewerbern der Heineken Shape your City Kampagne – auch sie haben alle den Traum, ihr persönliches Bar-Konzept zu realisieren. Mehr Infos, wie es hiermit weitergeht, findest du hier!

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Frank
by
on September 29th, 2016
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